Was hat das Thema Scham im systemischen Beratungsgeschäft zu suchen und spannender noch die Frage, wo ist es bei genauem Hinschauen zu finden?
Sie erinnern sich, über Peter Sloterdijks „Zorn und Zeit“ bin ich ja auf Stolz und Thymos gestoßen. Stolz und die Verletzung desselben, eine Facette, die in jedem hierarchischen Organisationskontext und damit in jedem Beratungsprozess angestoßen wird.
Von dort ist es nicht weit zur Scham. Der französische Neuropsychiater Boris Cyrulnik greift in: „Scham. Im Bann des Schweigens – Wenn Scham die Seele vergiftet“
unterschiedliche Facetten rund um die Emotion Scham auf. Neben der Frage, was das ist, schaut er vor allem darauf, was dieses Gefühl mit dem „Beschämten“ macht und für sein Leben (und arbeiten) bedeutet.
„Der Sinn, den wir den Dingen verleihen, hängt von unserem persönlichen Kontext, unserer persönlichen Geschichte ab. Welche affektive Bedeutung die Ereignisse für uns bekommen, ist größtenteils von der emotionalen Reaktion unsere Umwelt abhängig.“
Scham ist ein soziales Gefühl, im gesellschaftlichen und persönlichen Kontext konstruiert. Es entsteht in erster Linie aus der Bedeutung, die ein Umfeld einem Zustand gibt, und alleine schämt man sich nicht. Nur wenn man den Blick des Anderen mitdenkt, entsteht das Gefühl der Scham. Und es ist ein „historisches“ Gefühl, es kann sich im Lauf der Zeit, wenn sich Gesellschaft und Werte ändern auch verändern.
Nicht darüber sprechen, möglichst vermeiden, das ist die Devise. Und doch blitzt das Thema, wenn man genau hinschaut und hört, immer wieder in der Beratung auf. Die Scham, ein fast noch größeres Tabu in Coaching und Beratung als die Angst. Wut zeigt man, Scham verbirgt man. So wirkt sie unbemerkt, als Antriebsfeder oder als Fallstrick.
„Ehrgeiz ist eine hervorragende Maske für die Scham“….aber: „Der Beschämte befreit sich damit nicht von seinem Gift, er hat nur ein notwendiges und teuer erkauftes Gegengift gefunden.“
Wenn wir dem nicht auf den Grund gehen, bleiben wir letztlich ungesehen „gefangen“ in der Scham.
Psychologie, Biologie und Historie sind die „Brillen“ unter denen Cyrulnik das Thema beleuchtet. Persönliche Geschichten berühren ebenso wie soziologische Einbettung und Abstraktion. Scham bekommt so ein Gesicht und das macht das Ganze so anschaulich. Und auch die positiven Aspekte der Scham kommen nicht zu kurz, denn ohne geht es auch nicht. Wer keine Scham kennt, kennt auch nicht den Blickwinkel des Anderen, kennt keine Empathie.
Angeregt hat mich zum Schluss „Gewalt im Theater der Ehre“: Was passiert mit der Scham in Systemen, die sich auf die Ehre berufen.
„Diese Unterwerfung unter den Ehrenkodex, die dazu führt, dass der Tod der Schande vorzuziehen ist, dient uns als unverwechselbares Kennzeichen für Kulturen, die auf Hierarchien beruhen.“
Damit können wir im gesellschaftlich Kontext viel anfangen. Machen Sie es eine Nummer kleiner, schauen Sie sich die Hierarchien in manchen Organisationen an und es finden sich Parallelen, nicht so tödlich, der Kodex ist etwas weniger streng, aber Schande, Scham und Erniedrigung finden Sie dann auch dort.











